


Der Schatten, auf den sich die Postkarte bezieht, entstand infolge des Atombombenabwurf auf Hiroshima am 6. August 1945 um 8:15 Uhr. Die Atombombe „Little Boy“, abgeworfen vom US-Bomber „Enola Gay“, detonierte in der Nähe der Aioi-Brücke im Zentrum der Stadt und setzte in Sekundenbruchteilen extreme Hitze (4000 °C) und ionisierende Strahlung frei.
Diese Strahlung veränderte Oberflächen wie Stein, Beton oder Fassaden dauerhaft. Bereiche, die der direkten Strahlung ausgesetzt waren, wurden aufgehellt oder verbrannt. Objekte oder Menschen, die sich im Moment der Explosion zwischen der Strahlungsquelle und einer Oberfläche befanden, wirkten als Abschirmung. Die dahinterliegenden Flächen blieben im ursprünglichen Zustand erhalten. So entstanden kontrastreiche Silhouetten, die als „Schatten von Hiroshima“ bezeichnet werden.
Ein bekanntes Beispiel hierfür sind die Steinstufen vor der ehemaligen Sumitomo Bank in Hiroshima, die heute im Hiroshima Peace Memorial Museum aufbewahrt werden. Auf diesen Stufen ist eine helle Silhouette sichtbar, die durch die Abschirmung einer Person entstanden ist. Die Umgebung des Steins wurde durch die Hitze gebleicht, während der Bereich, der durch den Körper geschützt war, dunkler blieb und die Umrisse sichtbar wurden.
Der Besuch des Hiroshima Peace Memorial Museum im Jahr 2003 bildet für mich einen Bezugspunkt zum Schattenbild. Die dort gezeigten Spuren, insbesondere die Steinstufen mit dem Schattenabdruck, bleiben für mich im Zusammenhang mit dem Thema „Schatten“ präsent. Das Ereignis erscheint dabei nicht nur als historischer Fakt, sondern als unmittelbare Konfrontation mit materiellen Überresten eines Moments, der sich in einer Oberfläche eingeschrieben hat.
Der Schatten auf den Stufen wirkt wie ein Abdruck einer Anwesenheit, die nicht mehr sichtbar ist. Die Form lässt auf eine Person schliessen und zeigt gleichzeitig deren Abwesenheit. Gerade in dieser Gleichzeitigkeit von Form und Leere entsteht ein Eindruck, der über die reine Dokumentation hinausgeht.
In diesem Zusammenhang bleibt der Schatten nicht nur als physisches Phänomen, sondern auch als Motiv bestehen: als Spur eines Körpers, als markierte Stelle im Material und als Erinnerung an ein Ereignis, dessen Wirkung sowohl sichtbar als auch zeitlich fortgesetzt erfahrbar ist.
Es ist für mich das prägnanteste Motiv des Grauens. Ein Abdruck, der nie hätte entstehen sollen und von dem ich hoffe, dass wir keine weiteren Schattenzeugen dieser Art zu Gesicht bekommen.
Bildnachweis:
„Human Shadow Etched in Stone“, Steinstufen der ehemaligen Sumitomo Bank, Hiroshima Peace Memorial Museum, Hiroshima, Japan; Fotodokumentation nach 1945; Archiv- und Museumsbestand (verschiedene Fotograf:innen). Hiltz, Madeline. "Hiroshima Shadows Are Haunting Reminders of the Atomic Bombs Dropped in 1945." The Vintage News. 11. März 2022. https://www.thevintagenews.com/2022/03/11/hiroshima-shadows-haunting-reminder-atomic-bombs/. Zugriff am 21. März 2026.
Quellennachweis: "Bleibender Schatten." Der Spiegel, 14. August 1966. https://www.spiegel.de/politik/bleibender-schatten-a-e5c11250-0002-0001-0000-000046413949. Zugriff am 21. März 2026. Saldivar, Mauricio. "Der Schatteneffekt: Die beunruhigenden Spuren von Menschen und Gegenständen, die von der Atombombe getroffen wurden." DasWetter.com. 5. April 2024. https://www.daswetter.com/nachrichten/wissenschaft/der-schatteneffekt-die-beunruhigenden-spuren-von-menschen-und-gegenstaenden-die-von-der-atombombe-getroffen-wurden.html. Zugriff am 21. März 2026.