


Das Schattenmonster
Als ich dieses Foto dieser Postkarte schoss, stand gerade mein Freund Andy hinter mir und umarmte mich.
Eigentlich eine wunderschöne Geste.
Mein Schatten sah das wohl anders.
Aus den grellen Fabriklichtern und unserem gemeinsamen Schatten entwickelte sich ein langgestrecktes, vierbeiniges Monster mit einem kleinen Kopf der mit spinnenartigen, langen Beinen verschmolzen ist.
Dieses Bild liess mich innehalten.
Fühl ich mich, wenn mein Freund mich in der Öffentlichkeit in den Arm nimmt, unwohl? Werde ich gemustert oder gar beobachtet?
Werden wir, sobald unsere Blicke in eine andere Richtung schauen, von den Blicken anderer verfolgt oder ist das nur eine Illusion in unseren Köpfen?
Werden wir bei Tageslicht anders gemustert als bei Nachtlicht?
Sind diese Blicke wohlwollend – oder hungrig nach mehr, nach einem Moment, der über die Umarmung hinausgeht?
Ist es Neugier, Sensationslust – oder vielleicht sogar ein Hauch von Neid?
Spielt sich alles nur in unseren Köpfen ab? Die Blicke der vermeintlichen Beobachter - sind nur Schein - rein zufällig und haben gar nichts mit uns zu tun?
Dieses Phänomen ist vielleicht weniger ein Spiel der Anderen, unsere eigene Wahrnehmung.
Ein leises Flackern zwischen Nähe und Sichtbarkeit.
Zwischen dem Wunsch, einfach zu sein, und der Angst, dabei gesehen zu werden.
Vielleicht ist es nicht der Schatten, der sich in ein Monster verwandelt hat – sondern ein Gedanke, der kurz Gestalt annimmt, genährt von Licht, von Erinnerung,
von all den Blicken, die wir je gespürt haben – oder glaubten zu spüren.
Denn sobald Liebe sichtbar wird, wird sie verletzlich.
Nicht, weil sie schwächer ist, sondern weil sie sich zeigt. Und vielleicht ist genau das der Mut: zu bleiben, sich umarmen zu lassen selbst dann, wenn das Licht hart ist und die Schatten seltsame Formen annehmen.
Denn am Ende ist es nur ein Schatten.
Und wir sind immer noch wir.