Der gefangene Schatten

Der gefangene Schatten –Natascha Kampusch (Lexy Ottwald)

Gefangen im Schatten deines Entführers 

Deines Peinigers 

Im Haus verborgen 

Dem Schatten entflohen 

folgen Schatten der Seele 

Schatten der Träume 

Schatten der Zerrissenheit 

Du stellst dich dem Schatten entgegen Stellst dich ins Licht 

Du wirst ausgestrahlt 


Du wirst gehört Wirst eine Sensation 

Du gibst deine Schatten an Voyeuristen ans mediale Schlachthaus die deine Seele aufleben lassen 

dann auszerren 

bis sie gänzlich ausgeschlachtet ist 

sodass du vom Licht wieder im Schatten lebst 

weil jeder dein Gesicht und deine Schattenstory kennt 

aber nicht dich. 

Jedes Wort jede Geste 

wird erneut in den Schatten gestellt

 für die Sensationslustigen hinter Bildschirmen 

Magazinen in Läden 

wo auch immer du auftauchst 

Fliehst du vor den Blicken zurück in den Schatten 

und wirst gefangen im Schatten deiner Selbst, 

der dich langsam innerlich zerreisst 

und dich gefangen hält in den Fängen der. 

Träume – der Vergangenheit – des sensationsgeilen Rampenlichts deiner Familie – deiner Existenz – deiner Zukunft 

Du bleibst im Schatten deiner Gefangenschaft Für immer?


 Postkarte: Der gefangene Schatten 

Als ich nach Schatten der Gesellschaft, nach Einzelschicksalen und deren „Schatten“ suchte, trat für mich der Fall Natascha Kampusch aus der Erinnerung hervor. Die Vorstellung, als Kind entführt zu werden und bis ins Erwachsenenalter gefangen zu sein, hat mich derart erschüttert, dass mir dieser schreckliche Gedanke bis heute präsent geblieben ist. Der Kriminalfall Kampusch gehört bis heute zu den bekanntesten in Europa, weshalb in den Medien immer wieder darüber berichtet wird. 

Auf dem Weg zur Schule in Wien wurde Natascha Kampusch am 2. März 1998 entführt. Wolfgang Přiklopil zerrte sie in einen Kleintransporter und hielt sie 3096 Tage lang in einem Verlies unter der Garage seines Hauses gefangen. 

Am 23. August 2006 gelang ihr die Flucht. In einem Moment, als sich Wolfgang Přiklopil aus der Garage in den Garten entfernte, um einen Telefonanruf entgegenzunehmen, während sie seinen Wagen staubsaugte, konnte sie zur Nachbarin fliehen. Wolfgang Přiklopil beging daraufhin Suizid. 

Ich empfand es, als unglaublich mutig von Natascha Kampusch, dass sie sich den Medien stellte und ihr Schicksal mit einem breiten Publikum teilte. Dadurch erhielt sie grosse Aufmerksamkeit und etablierte sich in der Medienöffentlichkeit, unter anderem als Moderatorin einer eigenen Talkshow. 

Ich hatte grossen Respekt davor, dass sie diesen Schritt wagte und sich einem so grossen Publikum stellte. Ich selbst habe, als Kind zweimal erlebt, wie es ist, Teil einer Sendung zu sein. Allerdings war ich im Hintergrund tätig und spürte bereits dort den enormen Druck, vor der Kamera funktionieren zu müssen. Wie gross muss der Druck gewesen sein, nicht nur einmal öffentlich von Entführung, Gefangenschaft und Flucht zu erzählen – Erlebnisse, die das Trauma wachhalten –, sondern sich darüber hinaus dauerhaft den Anforderungen medialer Darstellung auszusetzen? 

Ihre Autobiografie „3096 Tage“ fand ich, als das Buch bereits längere Zeit auf dem Markt war, in einer Abfallstelle. Ich nahm es mit nach Hause, war jedoch nicht fähig, mehr als drei Seiten darin zu lesen. Einerseits war ich neugierig, andererseits wusste ich, dass der Inhalt traumatische Erfahrungen verarbeitet. Ich war zugleich fasziniert und schockiert darüber, dass einem Menschen so etwas widerfahren kann und dass dieses Leid zu einem Bestseller im deutschsprachigen Buchmarkt wurde. Schon der Anblick des Buches löste Unbehagen in mir aus, weshalb ich es wieder dorthin zurückbrachte, wo ich es gefunden hatte – in die Buchfundgrube der Recyclingstelle.

Der mediale Umgang wurde für sie schliesslich zur Belastung. Als öffentliche Person erlebte sie neben Aufmerksamkeit auch die Schattenseiten von Bekanntheit, die sie unter anderem in einem Buch über Cybermobbing verarbeitete.

Per Zufall fällt dieser Text nun in die Zeit des 20. Jahrestages ihrer Flucht. Laut Spiegel TV sollte anlässlich dieses Jahrestages eine Dokumentation auf ORF 2 mit dem Titel „Natascha Kampusch – Gefangen in Freiheit“ ausgestrahlt werden. Aufgrund von Protesten, die einen Verstoss gegen Persönlichkeitsrechte kritisierten, wurde die Sendung kurzfristig gestrichen. 

Medienberichten zufolge berichtete Natascha Kampuschs Familie, dass Natascha Kampusch einen Zusammenbruch erlitt und im Moment in ihrer eigenen Welt gefangen ist.   Bei Betroffenen schwerer Gewalt können solche Berichterstattungen zu Retraumatisierungen führen – ein Risiko, das auch hier besteht. Besonders problematisch erscheint dies im Kontext weiterer medialer Aufarbeitung, als auch noch ein Spielfilm "3096 Tage" über ihr traumatisches Erlebnis in die Kinos kommt.

Es stellt sich daher die Frage, inwiefern Betroffene geschützt werden sollten, anstatt ihr Erleben wiederholt an den Pranger der Sensationslust der Schaulustigen zu werden. Menschen mit solchen Schicksalen laufen Gefahr, durch mediale Aufmerksamkeit dauerhaft auf ihre Vergangenheit reduziert zu werden – und dadurch im übertragenen Sinne im „Schatten“ zu verbleiben.


Quellenverzeichnis: https://de.wikipedia.org/wiki/Natascha_Kampusch, Aufgerufen am 07.04.2026 

https://www.spiegel.de/kultur/tv/natascha-kampusch-orf-nimmt-doku-nach-protesten-aus-dem-programm-a-74a49bb5-8af9-493b-a9dc-a3255e93958d, Aufgerufen am 07.04.2026

https://www.diepresse.com/687197/natascha-kampusch-flucht-vor-genau-fuenf-jahren#slide-1-1, Aufgerufen am 10.04.2026 


Bildverzeichnis: Natascha Kampusch, Pressefoto, © AFP, veröffentlicht in: Der Tagesspiegel, 05.12.2007, 18:32 Uhr.