Der verbotene Schatten

Postkarte: Vivian Meier - Im Schatten des Kunstmarkts 

Während meines letzten Studiensemesters an der HSLU im Master Kunst Critical Image Practices hatte ich die Gelegenheit, mich vertieft mit einer Künstlerposition auseinanderzusetzen. Es war naheliegend, dass ich mich für Künstler/innen und Fotograf/innen interessierte, die sich mit Schattenporträts beschäftigen. 

Während meiner Recherche stiess ich auf Vivian Maier. Ich war regelrecht begeistert von Vivian Maiers Fotografien. Sie ist eigentlich eher für ihre Streetphotography bekannt. Unter ihren Bildern findet man jedoch auch zahlreiche Schattenporträts. Die Postkarte, die ich hierfür für mein Artist Book verwende, ist nicht nur ein Schattenporträt, sondern zugleich auch eine Spiegelung. Es werden gleich zwei Selbstporträts in einem vereint – etwas, was mir in meiner künstlerischen Praxis bisher noch nicht gelungen ist. Während ich mit meinem Handy auf Schattenjagd gehe, fotografierte Vivian Maier damals alle Bilder analog, was mir noch mehr Respekt einflösst. 

Vivian Maier war aber trotz der hohen künstlerischen Qualität ihrer Bilder keine etablierte Fotografin. Ihre Fotografien wurden rein zufällig in einem Lager in Chicago in den USA entdeckt. John Maloof, der Finder der Negative von Vivian Maier, hatte daraufhin – da Vivian Maier kaum Nachkommen hatte – die Bildrechte und damit auch die Urheberrechte erworben. John Maloof interessierte sich nebst den Fotografien aber hauptsächlich dafür, wer hinter diesen geheimnisvollen, in Massen vorhandenen Negativen (ca. 10'000) steckt, denn Vivian Maier hielt sich bedeckt und zeigte kaum jemandem ihre Aufnahmen. So nutzte Maloof ihre Biografie als exzentrische, einsame, fotografierende Nanny als Aufhänger für den Verkauf ihrer Bilder sowie für die Ausstrahlung eines Dokumentarfilms, der hauptsächlich auf Aussagen von Familien basiert, bei denen Vivian Maier als Nanny gearbeitet und gewohnt hatte. 

Dieser Umgang, wie Maloof mit Vivian Maiers Nachlass umgeht, ist sehr umstritten. So wurden viele kritische Stimmen in Fachzeitschriften laut, die – aus meiner Sicht zu Recht – kritisieren, dass man Vivian Maiers Leben in den Vordergrund stellt, anstatt ihre künstlerische Arbeit, und dass man ihre Fotografien öffentlich zeigt und auf dem Kunstmarkt für teures Geld verkauft, obwohl sie dies vermutlich gar nicht gewollt hätte. Jedenfalls wäre dies in der Schweiz ein viel zu grosser Einschnitt in ihre Persönlichkeitsrechte. Die Urheberrechte sind in der Schweiz deutlich stärker geschützt als in den USA. Man hätte Vivian Maiers Nachlass – wäre er in der Schweiz entdeckt worden – erst 70 Jahre nach ihrem Tod veröffentlichen dürfen. 

John Maloof macht nicht nur mit dem Verkauf der Bilder ein Geschäft, sondern auch mit deren Nutzung selbst. So hat die freischaffende Redakteurin und promovierte Medien- und Bildungswissenschaftlerin Nadja Köffler in ihrem Buch Vivian Maier und der Gespiegelte Blick: Fotografische Positionen zu Frauenbildern im Selbstporträt bewusst gänzlich auf Bilder von Vivian Maier verzichtet. Stattdessen verwendete sie symbolisch leere Bildflächen in Rahmen, die mit QR-Codes versehen wurden, über welche man auf «legalem Weg» – vorbei an John Maloof – die Bilder betrachten kann, allerdings mit dem Risiko, dass diese QR-Codes in unserer kurzlebigen digitalen Welt irgendwann verschwinden. 

Der Entzug der Bilder verleiht dem Ganzen etwas Respektvolles in Bezug auf Vivian Maiers möglichen Willen, aber auch etwas Geheimnisvolles – ja fast Verbotenes. 

Dieser Umgang mit den QR-Codes war schliesslich eine Inspiration für dieses Artist Book, indem ich die Briefmarken meiner Postkarten in QR-Codes verwandle, die zu dieser Website führen. Wenn man mehr über meine Recherche zu Vivian Maier erfahren möchte, kann man sich noch den Podcasts in meiner PowerPoint-Präsentation anschauen. Ich stelle meine Recherchen gerne Interessierten zur Verfügung. 

Bildnachweis: Maier, Vivian. Self-Portrait. ca. 1950er–1970er. Maloof Collection, Ltd. https://www.vivianmaier.com/gallery/self-portraits/. Zugriff am 10. April.2026 

Quellennachweis: Köffler, Nadja. Vivian Maier und der gespiegelte Blick: Fotografische Positionen zu Frauenbildern im Selbstporträt. Bielefeld: transcript Verlag, 2018.