Mein Schatten auf dir

Postkarte Mein Schatten auf dir 

Lee Norman Friedlander ist einer meiner Lieblingsfotografen, wenn es um Schattenporträts geht. Besonders angetan haben es mir seine Fotografien aus den 1960er-Jahren, in denen er sich ganz frech mit seinem eigenen Schatten auf den Körpern anderer ablichtet – oft auf jenen von auffallend inszenierten, beinahe modellhaften Frauen. 

Ein Schattenporträt, das in meiner eigenen Sammlung bislang fehlt und das ich in meiner künstlerischen Praxis unbedingt noch erproben möchte. 

Während mein iPhone heute beinahe unbemerkt bleibt, muss Friedlander mit dieser Art der Bildproduktion aufgefallen sein – sein Schatten ist kein Zufall, sondern eine bewusste Setzung. 

Lange habe ich diese Arbeiten als ein sehr persönliches Stilmittel Friedlanders gelesen. Erst bei weiterer Auseinandersetzung wurde mir bewusst, dass solche Schatten in der klassischen Fotografie lange Zeit als Makel galten – ebenso wie Spiegelungen, angeschnittene Körper, zufällige Überlagerungen oder das scheinbar ungeordnete Nebeneinander von Bildebenen. All das, was nicht „rein“ und kontrolliert erschien, wurde vermieden. Umso schöner ist es, wie Friedlander genau diese vermeintlichen Fehler für sich entdeckt und ihnen eine neue Bedeutung verleiht. Was einst als Störung galt, verwandelt sich bei ihm in eine eigenwillige Bildsprache – die ihren Anklang in der Fotografie und der Kunstwelt findet.