


Postkarte: Phantom des Schattens
Wenn ein Teil unseres Körpers aus irgendeinem Grund fehlt, sei es seelisch oder körperlich, kippt auch die ganze Wahrnehmung von uns selbst, aber auch die Wahrnehmung unseres Körpers. Meist wollen wir einfach sein wie alle anderen. 0815 eben. Ist dies nicht der Fall, folgt perturbata (lat. verwirrt, verstört). Meist können wir mit einem gesunden Selbstvertrauen und Selbstkonzept damit umgehen.
Jeder Mensch ist ein Individuum und gut so, wie man ist. Und trotzdem gibt es Extremsituationen, in denen selbst der tapferste Mensch ins Wanken gerät.
Bei der Betrachtung des Schattens mit den fehlenden Gliedmassen kam mir der grauslige Gedanke: Was ist, wenn ich plötzlich eine meiner Gliedmassen nicht mehr hätte? Durch einen Unfall, eine Krankheit oder eine Massnahme, die es erfordern würde, eine meiner Gliedmassen zu amputieren?
Käme ich zurecht?
Es würde mir nichts anderes übrig bleiben.
Aber so einfach würde es mein Körper wohl nicht akzeptieren wollen.
Da wäre als erstes mein Erscheinungsbild, das mir plötzlich unnatürlich und verzerrt erscheinen würde.
Daraufhin mein Selbstvertrauen, wenn ich das Gefühl hätte, dass der Rest der Menschheit mich mustern würde. Aus Mitleid, Sensationslust oder gar Ekel?
Wenn nun ich selbst und meine Mitmenschen daran leiden, gibt mir der Körper vermutlich noch den Rest. Wer hat nicht schon einmal etwas von Phantomschmerzen gehört? Die Wunde ist bereits verheilt, dennoch meint der Körper, dass es immer noch da ist, und sendet Schmerzgefühle – welch ein Albtraum.
Ein Albtraum der bei mir zum Glück nur beim Anblick meines Schattens für einen kurzen Moment ausgelöst wird – nur ein kurzer Moment der Verwirrung des Anblicks meines sonst vollständigen 0815 Schattens.