


Der Schatten – Ein Virus deiner Seele (Lexy Ottwald)
Der Schatten kommt unvorbereitet, von jetzt auf gleich. Er legt sich von innen auf das Gemüt. Du wirst gefragt, was los ist – doch darauf gibt es keine Antwort. Es gibt keinen nennbaren Grund, weshalb sich der Schatten ausbreitet.
Er ernährt sich von deinen Emotionen und breitet sich wie ein Virus in dir aus. Seine Dunkelheit verbreitet sich schneller als jeder noch so gefährliche Virus. Wenn du Glück hast, kannst du die Ausbreitung stoppen – mit Ablenkung wie Musik, Gesellschaft oder Arbeit.
Hat sich der Schatten jedoch in deiner Seele eingenistet, gibt es kein Entkommen. Jede Emotion, egal ob Freude oder Trauer, ist ein gefundenes Fressen für den Schatten. Von deinem Innersten aus, legt er sich über alles und schliesst jede Freude unmerklich aus. Selbst Trauer vernichtet er.
Irgendwann hat der Schatten deine Seele vollständig in Dunkelheit gehüllt – und du wirst leer. Je mehr Emotionen kommen, desto mehr füllt sich der Schatten mit dieser Leere. Irgendwann fühlst du nichts mehr. Die Emotionen versiegen – ausser der Trauer, der du entkommen willst. So fühlst du lieber nichts, als weiter zu leiden.
Der Schatten breitet sich weiter aus, auch nach aussen, sodass du nicht einmal mehr ein künstliches Lächeln aufsetzen kannst. Je mehr du dich dagegen wehrst, desto unkontrollierter wird deine Stimme, desto mehr füllen sich deine Augen mit Tränen. Du schämst dich und willst nicht, dass jemand das sieht.
Zuerst meidest du Situationen, in denen du sprechen musst, und gibst vor, eine Pollenallergie zu haben. Doch irgendwann verlierst du die Kontrolle über deine Tränen – sie kommen willkürlich, ohne dass du beeinflussen kannst, wann oder wie lange sie bleiben. Nun meidest du jeden Menschen.
Der Entzug von anderen macht dich noch trauriger. Die Leere wächst weiter, sodass sie nicht nur dein Gemüt und deine Seele beschlagnahmt, sondern auch deinen Körper. Der Schatten zwingt dich in die Knie, bringt Schmerzen. Dein Körper entzündet sich, dein Magen-Darm-Trakt wird angegriffen. Du willst nichts mehr schmecken, Gerüche von Essen sind dir zuwider. Der Schatten entkräftet dich immer weiter, bis du es nicht mehr aus dem Bett schaffst.
Alltägliche Dinge wie Essen, Waschen oder sich um etwas kümmern werden unmöglich. Ab jetzt bist du nur noch der Schatten deiner selbst. Wenn du dich dem Schatten vollständig hingibst, zerstört er dich. Es sei denn, deine Seele findet einen Weg, sich ihm entgegenzustellen.
Jede noch so kleine Tätigkeit gibt dir Licht. Du beginnst einen Kampf – um mehr Licht, um den Schatten zu besiegen, der dich von innen zerstören will. Finde Licht. Mit jedem Funken wächst Hoffnung. Und vielleicht findest du so den Weg zurück – aus dem Schatten deiner selbst.
Postkarte: Der traurige Schatten
Ein Schatten hat keine Emotionen. Man kann keine Gesichtsausdrücke machen, die ein Gemüt ausstrahlen. Einzelne Teile des Körpers verschmelzen ineinander, und dennoch hatte ich das Gefühl, dass ich mit diesen messerscharfen Silhouetten, die sich in der brühenden Hitze auf dieser kleinen Projektionsfläche abzeichneten, mit der Haltung eine Emotion hervorgerufen habe.
Wie oft ist es doch so, dass man nicht immer sieht, wie es einem Menschen geht. Wir etwas hineininterpretieren. Aber Trauer und Depressionen sind Gefühle, die Scham verursachen, die nicht gezeigt werden wollen. Damit nicht noch mehr in dieses Gefühl der Trauer und inneren Leere hineingestochert wird, kommt meistens ein „alles bestens“ aus uns heraus, wenn ein einfühlsamer Mensch nach unserem Befinden fragt.
Depression hat jeder Mensch einmal in seinem Leben. Hält dies aber länger an, braucht es umso länger, um wieder aus der inneren Trauer herauszukommen. Laut einer Studie des Bundesamts für Statistik der Schweiz (2013) erkranken 5–7 % der Schweizer Bevölkerung pro Jahr an einer echten Depression. Rund 20 % der Bevölkerung sind einmal im Leben davon betroffen. Depression wird zu einer Volkskrankheit und gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Laut Prognosen wird sie eine der schwersten sozialen Krankheiten weltweit. Depression führt zu starken Einschränkungen im Alltag, in Beziehungen und im Beruf. Laut den Zahlen aus der Wirtschaft verursacht dies Kosten von 11 Milliarden CHF pro Jahr in der Schweiz, bedingt durch Arbeitsausfälle, verminderte Leistung und Invalidität. Das belastet nicht nur die betroffene Person selbst, sondern das gesamte Umfeld (Arbeit und Gesellschaft).
Depression kommt oft ohne sichtbaren Grund. Sie beginnt oft früh im Leben, ist langanhaltend und wiederkehrend und führt häufig zu Einsamkeit, sozialem Rückzug, körperlichen Beschwerden, Arbeitsproblemen und Isolation. Auch wenn Depression alles verdunkeln kann, bedeutet sie nicht das Ende von allem.
Heilung ist möglich – oft langsam, oft in kleinen Schritten.
Auch Betroffene erleben Momente von Licht, von Nähe, von etwas, das sich wieder echt anfühlt.
Der Schatten mag stark sein, aber er ist nicht unbesiegbar.
Bildverzeichnis: Schattenfeeling 2, © Lexy Ottwald, 2026. Digitale Fotografie (Smartphone)
Quellenverzeichnis: Baer, Niklas; Schuler, Daniela; Füglister-Dousse, Sylvie; Moreau-Gruet, Florence. 2013.
Depressionen in der Schweizer Bevölkerung: Daten zur Epidemiologie, Behandlung und sozial-beruflichen Integration.Obsan Bericht 56. Neuchâtel: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Obsan), Bundesamt für Statistik (BFS).
https://www.obsan.admin.ch/sites/default/files/2021-08/obsan_56_bericht.pdf