


Postkarte: Der Erfolgsschatten
Das Schattenbild entstand, als ich bei der Firma Klangwelt etwas, für das ich lange gespart hatte, abholen durfte. Der Eingang war jedoch so gross und architektonisch üppig gestaltet, sodass ich den Eingang der Firma nicht als solchen erkannte und deshalb das ganze Firmengelände umging.
Ich hatte es dabei nicht eilig.
Es war Nachmittag und nahezu wolkenfrei. Für mich immer die schönste Tageszeit, wenn es um Schattenfotografien geht. Denn da sind diese so wunderbar verzerrt und langgezogen. Sie wirken selten bedrohlich, sondern lassen mich selbst plötzlich gross, gar riesig erscheinen, was mich stets etwas fröhlich stimmt. Es gab so viele spannende Schattenbilder, dass ich schon fast mein Vorhaben vergass.
Als ich Kollegen und Freunde zu diesem Bild befragte, empfanden sie es alle als einen sehr selbstbewussten, schon fast von oben herabschauenden Schatten.
Wann fühlen wir uns besonders selbstbewusst, schön und gross?
Meist an einem Punkt, an dem wir das Gefühl haben, etwas erreicht zu haben. Dass uns etwas gelungen ist. Dass man in dem, was man gerade tut oder getan hat, erfolgreich ist. Aber was heisst Erfolg eigentlich?
In einem Gedankensprung stellte ich fest, dass ich diese Frage bereits meinen Schülern stellte. Ich war Klassenlehrerin und war verantwortlich für eine Klasse der 3. Oberstufe, die schon fleissig daran waren, Lehrstellen zu suchen.
Ich bekam ein Angebot von jemandem, der früher hier zur Schule ging und der Schule etwas zurückgeben wollte und die Jugendlichen dazu ermutigen wollte, etwas aus ihrem Leben zu machen. Ich war skeptisch, aber neugierig und so hörten wir uns einen Vortrag an, wie er erfolgreich wurde. Verkürzt: Er machte keine Schulkarriere, war im Fussball tätig, sodass er es fast ins Nationalteam geschafft hätte. Er musste seine Fussballkarriere abbrechen, machte eine Lehre im Immobilienverkauf und verwaltet heute dutzende Immobilien und kann sich von seinem guten Gehalt sehr vieles leisten.
So fragte ich meine Schüler und Schülerinnen: Seid ihr sicher, dass das, was dieser Mann vorgestellt hat, Erfolg ist? Er arbeitet zwischen 12–16 Stunden am Tag und auch an Wochenenden. Wann kann er denn all seine schönen Dinge, wie in seinem Pool schwimmen oder Zeit mit seiner Frau verbringen, denn tun? Ist seine Frau, die den Haushalt macht und sich um alles kümmert, nicht erfolgreich? Wenn man nichts von all dem besitzt, kein grosses Gehalt hat, aber viel für seine Familie da sein kann oder etwas tut, was man liebt – ist dies kein Erfolg? Ist möglichst viel Geld verdienen Erfolg?
Die Schüler und Schülerinnen wurden nachdenklich.
Ich fragte sie, ob sie mal erfolgreich waren und was für sie Erfolg bedeutet.
Als Künstlerin stelle ich mir heute auch diese Frage. Ist man als Künstler erfolgreich, wenn man im Museum ausstellen durfte? Wenn man seine Werke möglichst teuer verkaufen kann? Oder ist es das Gegenteil: Man lebt und arbeitet an Dingen, die einem wichtig sind, die einem Spass machen, obwohl die Welt rundherum den Kopf schüttelt? Man möglichst selbstbestimmt lebt und sich nicht dem Diktat der Wirtschaft oder des Kunstmarkts stellt?
Erfolg ist für jedes Individuum anders. Man ist immer auf der Suche danach und trotzdem lohnt es sich, innezuhalten und sich zu fragen, ob man das, was man tut, des Erfolgs willen tun sollte oder ob man sich einfach auf das konzentrieren sollte, was einem selbst guttäte. Und selbst wenn man das erreicht, was man erreichen wollte, gibt es da immer Schattenseiten: die des Neids, dass man sich übernimmt oder sich in unvorhergesehene Probleme manövriert. Es wird wohl eine Frage sein, die wir nie ganz beantworten können.